Soziale Einrichtungen und die Hitzewelle

Fragt man nach den größten Naturkatastrophen in der Geschichte der Bundesrepublik, gemessen an den Todesopfern, werden

  • die Nordsee-Sturmflut 1962 mit bis zu 340 Toten,
  • das Elbe/Rhein-Hochwasser 1947 mit etwa 200 Toten,
  • die Ahrtal-Katastrophe durch Starkregen 2021 mit ca. 180 Toten und
  • das Elbe-Hochwasser 2002 mit rund 120 Toten

aufgelistet.

Noch mehr Todesfälle gab es allerdings durch die extremen Hitzewellen 2022 mit rund 1.200 und 2018 mit 1.400 Toten. Den vorläufigen Höhepunkt bildet die Hitzewelle Ende Juni 2026 mit mehr als 4000 Toten (laut RKI).

Umfrage zur Betroffenheit durch die Hitzeperiode

Extreme Hitze belastet vor allem Kinder, alte Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen und damit betreute Personen und Bewohner:innen in sozialen Einrichtungen. Eine bundesweite Umfrage des Paritätischen Gesamtverbandes unter 2.871 sozialen Einrichtungen (u. a. Pflege, Kindertagesbetreuung, Behinderten- und Jugendhilfe) belegt, dass extreme Hitzewellen die soziale Infrastruktur in Deutschland an ihre Belastungsgrenzen bringen. 82 % der befragten Organisationen berichten von einer starken oder sehr starken Betroffenheit durch die Hitzeperiode Ende Juni 2026.

Umfrage-Ergebnisse

Die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage zeigen eine massive Belastung der betroffenen Menschen und mangelhafte Infrastruktur.

Gesundheitliche Folgen: Die hohen Temperaturen gefährden betreute Personen und Beschäftigte gleichermaßen. Bei betreuten Menschen kommt es zu Erschöpfung und Kreislaufproblemen (83,2 %), Konzentrationsschwächen (67,9 %) und Schlafstörungen (56,6 %). Notarzteinsätze, psychische Krisen sowie hitzebedingte Todesfälle nehmen zu. Zudem melden fast 90 % der Einrichtungen Erschöpfungssymptome bei den Mitarbeitenden.

Mangelhafte Infrastruktur: Viele Gebäude verharren bei Raumtemperaturen zwischen 30 und 40 °C. Zwar nutzen 55,9 % der Einrichtungen einfache Sonnenschutzmaßnahmen, doch nur 20,7 % verfügen über Klimaanlagen oder Kühltechnik. Erst 29,3 % haben einen funktionierenden Hitzeschutzplan erarbeitet.

Organisatorische Grenzen: Zusätzliche Aufgaben wie die Kontrolle von Trinkmengen und engmaschigere Beobachtung erhöhen die Arbeitslast deutlich. Viele Träger geben an, notwendige Investitionen in den Gebäudeschutz nicht aus eigener Kraft finanzieren zu können.

Politische Forderungen: Sofortmaßnahmen

Um akute Notlagen abzuwenden, fordert der Paritätische Gesamtverband ein bundesweites Sofortprogramm:

  1. Nationaler Hitzekrisenstab: Eine Stelle zur Abstimmung von Bund, Ländern und Kommunen, die Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes direkt in verbindliche Schutzmaßnahmen überführt.
  2. Bundesweiter Hitzenotfallfonds: Unbürokratische Finanzhilfen für Kommunen, Krankenhäuser und soziale Träger zur schnellen Anschaffung von Kühlgeräten, Verschattungselementen, Trinkwasserangeboten und zusätzlichem Personal.
  3. Schutz gefährdeter Gruppen: Der Ausbau aufsuchender Hilfen, Hitzepatenschaften, mobiler Unterstützungsteams und klimatisierter Schutzräume für besonders vulnerable Menschen.

Improvisation reicht nicht

Die Umfrage macht deutlich, dass bloße Improvisation nicht mehr ausreicht. Ohne gezielte Investitionen in bauliche Klimaanpassung und Personalausstattung drohen Überlastung, Versorgungslücken und erhebliche gesundheitliche Schäden.

Quellen: ZDF, Paritätischer Gesamtverband

Abbildung: pixabay.com thermometer-g733f6efcb_1280.jpg

Hitzeschutzpläne vorgestellt

Vor knapp einem Jahr luden das Gesundheitsministerium und das Umweltschutzministerium Vertreterinnen und Vertreter aus der Pflege, der Ärzteschaft, der Kommunen sowie Expertinnen und Experten aus Praxis und Wissenschaft zu einem Auftaktgespräch über einen nationalen Hitzeplan ein. Jetzt hat Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus allen Bereichen des Gesundheitswesens Bundesempfehlungen für den Hitzeschutz in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern vorgelegt. 

Der Klimawandel werde Hitzeschutz zu einem Dauerproblem machen, so Lauterbach. Darauf müsse Deutschland systematisch vorbereitet werden. Sonst stürben in jedem Sommer tausende Bürger unnötigerweise. Gesundheitliche Folgen haben hohe Temperaturen besonders für Ältere, Kranke und Menschen im Freien. Ihnen sollen die Handlungsempfehlungen und Informationspakete helfen, die für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Kommunen oder auch für Großereignisse wie die Fußball-EM entwickelt wurden.

Empfehlungen im Einzelnen

Handlungsempfehlungen zur Erreichbarkeit vulnerabler Gruppen zum Hitzeschutz:

  • Das Konzept für die Umsetzung einer Kommunikationsstrategie und Kommunikationsleitfäden zu fünf ausgewählten Risikogruppen (Freiarbeit, Kinder, Pflege, Senioren und Wohnungslose) ist auf der Webseite hitzeservice.de abrufbar.

Krankenhäuser

Die Bundesempfehlung „Musterhitzeschutzplan für Krankenhäuser“ wurde gemeinsam mit dem Aktionsbündnis Hitzeschutz Berlin, der Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V. (DKG), dem Deutschen Pflegerat e.V. (DPR) und unter Einbeziehung von Stellungnahmen verschiedener Akteurinnen und Akteure des Gesundheitswesens erarbeitet. Empfohlen werden unter anderem:

  • Benennung einer verantwortlichen Person für den Hitzeschutz und die Erstellung eines Hitzeschutzplans.
  • Umfangreiche Aufklärung der Patientinnen und Patienten besonders in den Sommermonaten. Erfassung und Berücksichtigung individueller Risiken für hitzebedingte Gesundheitsbeeinträchtigungen.
  • Angemessene Lagerung wärmeempfindlicher Medikamente und Materialien.
  • Bestimmung von Kühl-Zonen oder Erstellung von Lüftungskonzepten.
  • Gesonderte Empfehlungen für die Hitze-Warnstufen 1 und 2, z.B.:
    • Anpassung der Speise- und Getränkeversorgung.
    • Verstärkte Beobachtung vor allem der vulnerablen Patientinnen und Patienten. Besonders heiße Zimmer sollten geschlossen werden.
  • Mittel- bis langfristig: Berücksichtigung des Hitzeschutzes bei Neubauten, Umbauten und Renovierungsarbeiten. Umsetzung von technischen Hitzeschutzmaßnahmen (z.B. Fassadenbegrünung).
  • Den Kliniken steht der Musterhitzeschutzplan (PDF, barrierefrei, 2 MB) als unverbindliche Empfehlung zur Verfügung.

Pflegeinrichtungen

Die „bundeseinheitliche Empfehlung zum Einsatz von Hitzeschutzplänen in Pflegeeinrichtungen und -diensten“ wurde auf Initiative des BMG durch den Qualitätsausschuss Pflege beschlossen. Empfohlen werden unter anderem:

  • Erstellung individueller Hitzeschutzpläne und Benennung einer verantwortlichen Person für den Hitzeschutz.
  • Anmeldung zum Newsletter des Hitzewarnsystems des Deutschen Wetterdienstes.
  • Ausreichende Sensibilisierung der pflegebedürftigen Personen und ihrer Angehörigen.
  • Vor und während der Hitzeereignisse sollten Pflegeeinrichtungen und -dienste u.a.:
    • Einrichtungen abdunkeln und Kühl-Zonen einrichten,
    • Wasser-, Wäsche-, Bedarfsartikel- und Hilfsmittelvorräte überprüfen,
    • Pflegebedürftige Personen, Angehörige und Mitarbeitende umfassend aufklären,
    • Pflegebedürftige hinsichtlich hitzebedingter Symptome verstärkt beobachten.
  • Den Pflegeeinrichtungen und -diensten steht die bundeseinheitliche Empfehlung zur Verfügung.

Gesundheitlicher Hitzeschutz auf kommunaler Ebene:

  • Die BZgA hat ein Infopaket „Hitzeschutz“ entwickelt und verschickt dieses an alle Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der rund 11.000 Kommunen in Deutschland.
  • Für die Zeit der Fußball-EM wird die BZgA gemeinsam mit dem Veranstalter mehrsprachige Verhaltenstipps auf www.klima-mensch-gesundheit.de präsentieren.

Quellen: BMG, Paritätischer, FOKUS-Sozialrecht

Abbildung: pixabay.com thermometer-g733f6efcb_1280.jpg

Hitzeschutz

In den vergangenen Jahren sind regelmäßig tausende Menschen an Hitze gestorben. Nach früheren Angaben der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit, der Bundesärztekammer und des Deutschen Pflegerats starben 2022 insgesamt 4.500 Menschen hitzebedingt. Im Jahr 2018 mit einem besonders heißen Sommer seien es sogar 8.700 Hitzetote gewesen.

Das Gesundheitsministerium und das Umweltschutzministerium lud am 26.6.23 Vertreterinnen und Vertreter aus der Pflege, der Ärzteschaft, der Kommunen sowie Expertinnen und Experten aus Praxis und Wissenschaft zu einem Auftaktgespräch über einen nationalen Hitzeplan ein. Grundlage dafür ist ein Impulspapier. Ziel ist, Warnung und Reaktion bei Hitzewellen zu verbessern.

Ausgangssituation

Das Impulspapier beschreibt als Ausgangssituation, dass mit dem Klimawandel das Auftreten von Hitzewellen immer wahrscheinlicher geworden sei. Diese beeinflussten Gesundheit, Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit unserer
Gesellschaft. Deshalb müsse sich Deutschland für kommende Hitzewellen noch besser aufstellen. Jährlich führe Hitze nicht nur zu Todesfällen, sondern beeinflusse auch das Krankheitsgeschehen.

Ziele

Anknüpfend an Erfahrungen anderer Länder, die – wie Frankreich nach dem Hitzesommer 2003 – schon entsprechende Hitzeschutzpläne haben, sollen folgende Ziele verfolgt werden:

  1. Sensibilisierung der Bevölkerung sowie insbesondere der vulnerablen Gruppen zur
    Vornahme von Schutzmaßnahmen bei auftretenden Hitzeschutzwellen.
  2. Reduzierung und Vermeidung von Todesfällen sowie Abmilderung von
    Krankheitsverläufen.
  3. Auslösen von Interventions- und Kommunikationskaskaden (Auslösen von
    Schutzmaßnahmen) durch gezielte Information.
  4. Verbesserung und Verbreitung der wissenschaftlichen Evidenz.

Strategie

Die Strategie basiert auf folgenden 5 Bausteinen:

1. Nutzung des Hitzewarnsystems zum Standard machen. Das Hitzewarnsystem des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ist eine hervorragende Möglichkeit, auch über digitale Lösungen, Menschen vor bevorstehenden Hitzewellen zu warnen und könnte perspektivisch Grundlage für das Auslösen von Interventionskaskaden sein.

2. Früherkennung durch Monitoring verbessern. Das Robert Koch-Institut (RKI) erstellt im Auftrag des BMG im Zeitraum von Juni bis September 2023 erstmals aussagekräftige wöchentliche Auswertungen zur Übersterblichkeit durch Hitze in Deutschland. Die erste Auswertung wurde am 22. Juni 2023 auf der RKI-Website veröffentlicht: www.rki.de/hitzemortalitaet.

3. Hitzeschutzkampagne durch das BMG. Handlungswissen im Alltag zu fördern, ist ein wichtiger Schutzfaktor. Dies ist laienverständlich auf der Webseite www.klima-mensch-gesundheit.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aufbereitet und wird systematisch erweitert.

4. Schutz vulnerabler Gruppen. Der Schutz vulnerabler Gruppen – wie Ältere, Kinder, Vorerkrankte, Pflegebedürftige, Alleinlebende, Menschen mit Behinderungen, Obdachlose – ist oberstes Ziel der Hitzeprävention.

5. Hitzeschutz auf Bundesebene institutionell verankern. Um Hitzeprävention und Hitzeschutz wirksam betreiben zu können, sind zahlreiche nichtadministrative Akteurinnen und Akteure einzubeziehen. Das BMG schlägt deswegen gemeinsam mit den Beteiligten des „Klimapakt Gesundheit“ und weiteren für den Hitzeschutz zentralen Akteuren eine „Konzertierte Aktion Hitze“ vor.

Notfall

Darüber hinaus braucht es für den Fall einer sehr intensiven, außergewöhnlichen Hitzewelle, z.B. mit Dürre, Trinkwasserknappheit, Überlastung von Krankenhäusern, Stromausfällen, Waldbränden übergreifende Lösungen und Reaktionsmöglichkeiten.

Quelle: BMG, RKI, BZgA

Abbildung: pixabay.com opel-record-c-6543583_1280.png