Was haben Jahreswirtschaftsberichte bei FOKUS-Sozialrecht zu suchen? Als Ergebnis einer jahrelangen Debatte über die über die Unzulänglichkeit des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als alleiniger Maßstab für gesellschaftlichen Fortschritt wurden 2025, im letzten Jahreswirtschaftsbericht der Ampelregierung, neben der wirtschaftlichen Entwicklung auch die Entwicklung der soziale Gerechtigkeit, ökologische Grenzen und Zukunftsfähigkeit in Zahlen und Grafiken dargestellt. In der Dimension der sozialen Gerechtigkeit legte der JWB 2025 offen, dass materieller Wohlstand allein nicht ausreicht, um die Lebensqualität aller Bevölkerungsgruppen zu sichern. Besonders kritisch wurde die Entwicklung der Wohnkosten und der regionalen Unterschiede betrachtet.
Multidimensionale Wohlfahrtsmessung
Der Vergleich der Jahreswirtschaftsberichte (JWB) 2025 und 2026 offenbart nun einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel in der deutschen Wirtschaftspolitik. Während der JWB 2025 unter einem „Beyond GDP“-Ansatz eine multidimensionale Wohlfahrtsmessung etablierte, kehrt der JWB 2026 unter Bundesministerin Katherina Reiche zu einer klassischen, angebotsorientierten Wachstumsagenda zurück.
Der JWB 2025 integrierte systematisch über 30 Indikatoren in vier Dimensionen: wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, soziale Gerechtigkeit, ökologische Grenzen und Zukunftsfähigkeit. Konkret wurden Kennzahlen wie die Rohstoffproduktivität, die Zirkularitätsrate (Recyclinganteil), der Index für Artenvielfalt, der Gender Pay Gap sowie die subjektive Lebenszufriedenheit detailliert abgebildet. Dieser Ansatz zielte darauf ab, die sozial-ökologische Transformation messbar zu machen und Zielkonflikte zwischen Wachstum und Naturschutz transparent darzustellen.
Rückwärtsgang
Im JWB 2026, betitelt „Investitionen und Reformen für Wachstum und Resilienz“, wurde dieses Kapitel zur Wohlfahrtsmessung gestrichen. Das Ministerium rechtfertigt dies damit, dass die Werte kaum jährliche Schwankungen zeigten und auf spezialisierte Berichte wie die Nachhaltigkeitsstrategie oder den Armuts- und Reichtumsbericht verwiesen werden könne. Stattdessen fokussiert der Bericht auf sechs Handlungsfelder: Bürokratieabbau (Senkung der Kosten um 25 %), massive Infrastrukturinvestitionen über ein Sondervermögen (118,2 Mrd. Euro in 2026), Senkung der Energiepreise für die Industrie sowie die Mobilisierung von Arbeitskräften und privatem Kapital.
Wohlstands-Kahlschlag
Kritiker wie Sven Giegold bezeichnen dies als „Wohlstands-Kahlschlag“. Er argumentiert, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) allein kein ausreichender Indikator sei, da es Naturschäden oder soziale Verteilung ignoriere; so steigere etwa die Abholzung eines Waldes das BIP, mache die Gesellschaft aber real ärmer. Durch die Streichung verlange der Bericht seine Funktion als ganzheitliches Steuerungsinstrument. Auch Ökonomen bewerten die neue Fokussierung kritisch: Das prognostizierte Wachstum von 1,0 % für 2026 basiere zu einem erheblichen Teil auf statistischen Effekten (viele Feiertage an Wochenenden) und schuldenfinanzierten Staatsausgaben, während die Binnennachfrage durch Kürzungen im Sozialstaat gedämpft werde.
Verlust an Transparenz über ökologische Kosten
Die Folgen dieser Indikatoren-Streichung sind vielfältig: Es droht ein Verlust an Transparenz über ökologische Kosten, eine Schwächung sozialer Frühwarnsysteme und eine internationale Beschädigung der Vorreiterrolle Deutschlands bei modernen Wohlfahrtsmaßen. Während die Regierung auf eine „wachstumsfreundliche Konsolidierung“ setzt, warnen Experten vor einer ideologischen Verengung, die langfristige ökologische und soziale Grundlagen des Wohlstands aus dem Blick verliert.
Quellen: Bundeswirtschaftsministerium 2025, Bundeswirtschaftsministerium 2026, Hans-Böckler-Stiftung, Sven Giegold, Maja Göpel, wikipedia
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